Dany, B04 und der Sicherheitsdienst im Stadion
"Angefangen hat alles Anfang der 1990er-Jahre. Es war an einem grauen Samstag-Nachmittag im Herbst, als ich zum ersten Mal live im Stadion war. Das Spiel selbst war eher unspektakulär und endete mit einem Unentschieden. Eigentlich gab es keinen besonderen Grund dafür, doch seit diesem Tag bin ich treue Anhängerin von Bayer 04 Leverkusen.
Für den Rest der Saison wurden Tagestickets für die Heimspiele organisiert, bevor in der nächsten Spielzeit die erste Jahreskarte auf dem Wunschzettel stand. Eine Jahreskarte folgte auf die nächste, Bayer 04 gewann in dieser Zeit den DFB-Pokal, Siege und Niederlagen wechselten sich ab und ich war bei jedem Heimspiel im Fanblock. Das ging so bis gegen Ende der 1990er-Jahre, als ich von einem Bekannten angesprochen wurde. Er fragte, ob ich nicht auf die andere Seite des Zauns zum Ordnerdienst wechseln wollte. Zu dem Zeitpunkt besuchte ich die gymnasiale Oberstufe und das Auto hatte Durst bzw. die Katze Hunger. Die Aussicht auf einen Nebenjob, der günstige Arbeitszeiten mit sich brachte und im direkten Zusammenhang zu meinem Hobby stand, erschien daher sehr attraktiv.
Nach einem kurzen Vorstellungsgespräch bei einem Verantwortlichen des damaligen Ordnerdienstes Bayer 04 Leverkusen begann mit der Saisoneröffnung im Spätsommer meine Zeit als Ordnerin beziehungsweise Sicherheitskraft im Leverkusener Stadion. Angefangen mit den üblichen Aufgaben bei Heimspielen wie Einlasskontrollen, dem Freihalten von Treppenaufgängen oder der Beobachtung des Geschehens am Spielfeldrand, kam später auch die Begleitung der Bayer-04-Fans zu Auswärtsspielen hinzu, bevor ich mit den Jahren immer mehr organisatorische Tätigkeiten sowie Leitungsaufgaben übernahm.
Nun bin ich bereits in meiner 29. Saison. In dieser Zeit habe ich nur eine Handvoll Heimspiele verpasst, etwa wegen Krankheit, beruflicher Termine oder wichtiger persönlicher Verpflichtungen. Niemand war überrascht, dass ich aufgrund meiner Liebe zu Bayer 04 und meinem Interesse am Stadionerlebnis Fußballspiel, das eben nicht nur 90 Minuten dauert, meine Diplomarbeit über Bayer 04 Leverkusen und das dazugehörige Sicherheitskonzept geschrieben habe. Dafür habe ich mit verschiedenen Beteiligten gesprochen, unter anderem mit Verantwortlichen aus dem Verein, aus der Fanbetreuung, aus einem unabhängigen Fanprojekt, mit einem erfahrenen Polizeivertreter mit besonderer Kenntnis der Fanszene sowie mit einem ehemaligen Profispieler und Nationalmannschaftskapitän.
Seitdem ich als Sicherheitskraft im Stadion von Bayer 04 Leverkusen begonnen habe, hat sich auch im Unternehmen selbst einiges verändert. Aus dem damaligen Ordnerdienst entwickelte sich zunächst eine eigene Sicherheitsfirma, später ging diese vollständig in Securitas auf. Eigentlich war und ist es mir ziemlich egal, welcher Name gerade auf meiner Arbeitskleidung steht. Für mich ist entscheidend, dass sich mein Platz beziehungsweise mein Einsatzbereich im Fanblock von Bayer 04 Leverkusen befindet. Mein Herz schlägt für Schwarz-Rot, sodass ich mir auch keinen anderen Block als die Nordkurve vorstellen kann.
Seit mehreren Jahren trage ich nun in leitender Funktion Mitverantwortung im Nordbereich. Doch diese Aufgabe könnte ich mir ohne mein Leitungsteam mit Teamleitenden und engagierten, zuverlässigen Ansprechpersonen im Block nicht vorstellen. Mir ist es wichtig, als Teamleitung im Nordbereich nicht nur Organisation, Planung und Umsetzung im Blick zu haben und damit die Fäden in der Hand zu halten, sondern auch als sichtbare Ansprechperson da zu sein. Das gilt insbesondere für die dortigen Mitarbeitenden, aber natürlich auch für Fans, Fanbetreuung, Fanprojekt und weitere Verantwortliche.
Während eines Fußballspiels müssen in der Nordkurve über 140 Sicherheitskräfte Hand in Hand arbeiten, Verantwortung tragen und teilweise schwierige oder anstrengende Aufgaben bewältigen. Gerade in der oft hektischen Kernzeit einer Veranstaltung ist für persönliche Sorgen, missverstandene Anweisungen oder andere Probleme kaum Zeit. Deshalb müssen solche Dinge schnell geklärt werden. Da wir für und mit Menschen arbeiten, besteht der Sicherheitsdienst für mich immer auch aus einem Anteil Sozialarbeit. Und so schließt sich der Kreis, denn im normalen Arbeitsleben bin ich als Sozialpädagogin und Fachbereichsleitung bei einem sozialen Träger beschäftigt.
In den fast 29 Jahren, in denen ich nun als Sicherheitskraft im Stadion tätig bin, habe ich zahlreiche schöne, aber auch schmerzhafte Erlebnisse miterleben dürfen beziehungsweise müssen.
Schon früh in meiner Laufbahn habe ich erlebt, was eine echte Ausnahmesituation bedeutet, mit massiven Ausschreitungen, großem Sachschaden und einer Dienstzeit, die sich spontan um viele Stunden verlängert hat. Solche Einsätze fordern einen körperlich und mental. Sie zeigen aber auch, wie wichtig eine gute Zusammenarbeit zwischen Sicherheitsdienst, Polizei und weiteren Einsatzkräften ist.
Im Laufe der Jahre durfte ich viele besondere Spiele und Turniere begleiten, von emotional aufgeladenen Ligaspielen über nationale Pokalwettbewerbe bis hin zu internationalen Begegnungen und großen Turnieren. Einige dieser Einsätze waren von großer sportlicher Bedeutung, andere sind mir vor allem wegen der Atmosphäre im Stadion, der Fans und der besonderen Stimmung in Erinnerung geblieben.
Dazu gehören auch lange Auswärtsfahrten, bei denen man die Fans über viele Stunden hinweg begleitet und betreut. Man erlebt hautnah, wie nah Euphorie und Enttäuschung beieinander liegen können, gerade bei entscheidenden Spielen, in denen es um Titel oder das Weiterkommen in einem Wettbewerb geht. Siege, bittere Niederlagen und verpasste Chancen: All das nimmt man als Sicherheitskraft zwar mit professioneller Distanz wahr, aber man spürt die Emotionen im Stadion trotzdem sehr deutlich.
Unvergesslich bleiben auch Einsätze bei großen internationalen Turnieren. Dort treffen Fans aus unterschiedlichen Ländern und Kulturen aufeinander. Man erlebt beeindruckende Gastfreundschaft, kreative Fankultur und eine besondere Form von Fairness und Respekt. Gleichzeitig muss man immer wachsam bleiben, weil große Emotionen schnell kippen können.
Besonders eindrücklich sind für mich die Begegnungen mit Fangruppen, die für ihre Leidenschaft und ihren Zusammenhalt bekannt sind. Die Art, wie man dort als Gast empfangen wird, bleibt im Gedächtnis. Solche Momente zeigen, dass Fußball und andere Großveranstaltungen weit mehr sind als nur Sport oder Unterhaltung. Sie sind Treffpunkte für Menschen, Geschichten und Emotionen. Und wir als Sicherheitskräfte sorgen im Hintergrund dafür, dass diese Erlebnisse möglichst sicher und positiv bleiben.
Das größte Highlight war für mich als Securitas-Mitarbeiterin und Anhängerin von Bayer 04 Leverkusen jedoch die legendäre Saison 2023/2024. Nach den vielen Finalniederlagen in den Jahren zuvor spielte die Werkself unter ihrem damaligen Trainer eine sensationelle Serie und wurde zunächst ungeschlagen Deutscher Meister, bevor anschließend auch der DFB-Pokal gewonnen wurde. Lediglich das Finale der Europa League ging leider verloren.
Es waren unglaublich anstrengende Tage. Innerhalb kürzester Zeit standen eine internationale Reise, die Begleitung der Fans vor Ort, ein intensiver Spieltag und direkt danach schon die nächsten Einsätze rund um das Pokalfinale und die Feierlichkeiten an. Kaum war man wieder zurück, ging es fast ohne Pause weiter. Es blieb nur wenig Zeit zum Ausruhen, bevor schon die nächsten Aufgaben warteten.
Besonders in Erinnerung geblieben ist mir die Rückkehr der Mannschaft nach dieser außergewöhnlichen Saison. Die Feierlichkeiten in Leverkusen, die Begeisterung der Fans, die Menschenmengen entlang der Strecke und später die Stimmung im Stadion waren einmalig. Trotz aller Erschöpfung war sofort klar, dass ich mir diesen Moment auf keinen Fall entgehen lassen wollte. Tausende Menschen feierten gemeinsam, überall war diese besondere Mischung aus Stolz, Erleichterung und purem Glück zu spüren.
Selbst ein kurzer, heftiger Regenschauer konnte der Stimmung nichts anhaben. Klatschnasse, aber überglückliche Spieler und Verantwortliche feierten mit Pokal und Meisterschale auf der Bühne. Auf dem Rasen und auf den Tribünen lagen sich Fans und wildfremde Menschen in den Armen, viele mit Tränen in den Augen wegen dieser unfassbaren Saison. Das sind Bilder, die bleiben. Und genau dafür habe ich die vielleicht ein klein wenig anstrengenden letzten Tage dieser Saison sehr gerne mitgemacht und mit schwarz-rotem Herzen und breitem Grinsen genossen. Die Glückstränen ließen sich übrigens hervorragend hinter der Sonnenbrille verbergen.
Warum ich diesen Job immer noch mache? Die Gründe sind sicherlich vielfältig, aber vielleicht habe ich auch einfach den Absprung nicht geschafft. Doch ein Fußballspiel live im Stadion ist immer wieder ein ganz besonderes Erlebnis. Jedes Spiel ist anders und man wird regelmäßig mit neuen Herausforderungen konfrontiert. Aber die Fans, die Stimmung und das gesamte Drumherum sind einfach einzigartig. Es sind dieser ganze Hintergrund bei den Spielen, die Erlebnisse mit der Werkself, legendäre Spiele und die besonderen Touren durch Deutschland und Europa, die es ausmachen. Menschen, die einen manchmal über Jahre und Jahrzehnte begleiten, spielen dabei eine große Rolle. Seien es Fans, aber auch engagierte Mitarbeitende und Vorgesetzte. Man hat viele kommen und gehen sehen, doch die Basis ist da und die Mischung macht es.
Und so hoffe ich, dass ich den Job auch noch bis zum Ende der Saison 2026/2027 mache, um dann mein 30-jähriges Jubiläum zu feiern. Und für Plan B ist notfallmäßig ebenfalls vorgesorgt: Wenn es mir irgendwann keinen Spaß mehr machen sollte oder die Gesundheit nicht mehr mitspielt, dann nehme ich meine Jahreskarte, die ich immer noch habe, und gehe wieder als Fan in die Nordkurve von Bayer 04 Leverkusen."